Die Tür
Er hasste es mit dem Zug zu fahren. Es
frustrierte ihn. Dieses Holpern und Rütteln. Die unbequemen
Sitzgarnituren. Die nervenden Schaffner. Die abgestandene Luft. Und
die Leute. Ja, vor allem die Leute. Er konnte sie nicht ausstehen.
All diese belanglosen Gespräche. Die ewig gleichen Gesichter. Aber
am meisten hasste er es, von ihnen angestarrt zu werden. Er kleidete
sich zwar dezent, aber alleine sein Äußeres machte ihn auffälliger,
als er für gut hielt. Er war knapp zwei Meter groß und eine riesige
Narbe entstellte seine linke Gesichtshälfte. Wegen dieser Narbe
hasste er auch sein Spiegelbild. Er konnte es nicht ertragen, täglich
an die Geschehnisse, die sein Leben vor 22 Jahren so radikal
verändert hatten, erinnert zu werden. Er wollte nicht länger ein
Gefangener seiner eigenen Vergangenheit sein.
Tscht. Tscht. Tscht.
Anfangs war es ihm nicht möglich, den
Ursprung dieses Geräusches zu ermitteln, doch allmählich wurde ihm
klar, dass die automatische Schiebetür am Waggoneingang für dieses
eigenartige Zischen verantwortlich war. Sie musste wohl defekt sein.
Er hasste Türen. Seit damals, als er
die Tür zum elterlichen Schlafzimmer öffnete, um nachzusehen, was
die flehenden Laute seiner Mutter, die durch die dünnen Wände bis
in sein eigenes Zimmer hörbar waren, zu bedeuten hatten. Es war die
Nacht vor seinem 14. Geburtstag gewesen und er konnte sich nur zu gut
daran erinnern, wie ihm der Schock in jeden einzelnen seiner Knochen
fuhr, als er seinen Stiefvater mit einem blutverschmierten
Küchenmesser über dem reglosen Körper seiner Mutter kauern sah. Er
war wie gelähmt gewesen und konnte sich keinen Millimeter bewegen.
Bis heute war es ihm nicht gelungen, den Anblick seiner Mutter auf
der blutbesudelten weißen Bettwäsche zu vergessen.
Tscht. Tscht. Tscht.
Diese gottverdammte Tür wollte einfach
nicht damit aufhören, ständig von selbst auf- und zu- zugehen.
Langsam bekam er davon Kopfschmerzen.
-pef-
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