Mittwoch, 6. August 2014

Kostprobe I


Die Tür


Er hasste es mit dem Zug zu fahren. Es frustrierte ihn. Dieses Holpern und Rütteln. Die unbequemen Sitzgarnituren. Die nervenden Schaffner. Die abgestandene Luft. Und die Leute. Ja, vor allem die Leute. Er konnte sie nicht ausstehen. All diese belanglosen Gespräche. Die ewig gleichen Gesichter. Aber am meisten hasste er es, von ihnen angestarrt zu werden. Er kleidete sich zwar dezent, aber alleine sein Äußeres machte ihn auffälliger, als er für gut hielt. Er war knapp zwei Meter groß und eine riesige Narbe entstellte seine linke Gesichtshälfte. Wegen dieser Narbe hasste er auch sein Spiegelbild. Er konnte es nicht ertragen, täglich an die Geschehnisse, die sein Leben vor 22 Jahren so radikal verändert hatten, erinnert zu werden. Er wollte nicht länger ein Gefangener seiner eigenen Vergangenheit sein.
Tscht. Tscht. Tscht.

Anfangs war es ihm nicht möglich, den Ursprung dieses Geräusches zu ermitteln, doch allmählich wurde ihm klar, dass die automatische Schiebetür am Waggoneingang für dieses eigenartige Zischen verantwortlich war. Sie musste wohl defekt sein.
Er hasste Türen. Seit damals, als er die Tür zum elterlichen Schlafzimmer öffnete, um nachzusehen, was die flehenden Laute seiner Mutter, die durch die dünnen Wände bis in sein eigenes Zimmer hörbar waren, zu bedeuten hatten. Es war die Nacht vor seinem 14. Geburtstag gewesen und er konnte sich nur zu gut daran erinnern, wie ihm der Schock in jeden einzelnen seiner Knochen fuhr, als er seinen Stiefvater mit einem blutverschmierten Küchenmesser über dem reglosen Körper seiner Mutter kauern sah. Er war wie gelähmt gewesen und konnte sich keinen Millimeter bewegen. Bis heute war es ihm nicht gelungen, den Anblick seiner Mutter auf der blutbesudelten weißen Bettwäsche zu vergessen.
Tscht. Tscht. Tscht.

Diese gottverdammte Tür wollte einfach nicht damit aufhören, ständig von selbst auf- und zu- zugehen. Langsam bekam er davon Kopfschmerzen.


-pef-



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Der Blog für Kurzgeschichten

In diesem Blog werden Kurzgeschichten vorgestellt. Vorgestellt soll heißen, dass es hier Auszüge der Geschichten zu lesen geben wird. Die ganzen Stories kosten den Autoren Zeit, Nerven und Herzblut. Dafür haben sie eine Anerkennung (finanzieller Art) verdient. Zumindest sehe ich das so.

Wenn ihr Lust habt, dann lest doch einfach mal rein.