Sonntag, 8. November 2015

Der Lauf der Dinge


Der dritte Teil

  
Es ist völlig leer bis auf die Überschrift:

„KAPITEL I“
 
Er reißt das Blatt heraus und zerknüllt es mit der Rechten. Achtlos wirft er es in den Papierkorb in der Ecke des Zimmers. Der Papierball prallt vom Rand des Mülleimers ab und bleibt auf dem Boden liegen.
Ohne darauf zu achten nimmt er einen Schlüsselbund von der Kommode und geht zur Tür.


SCHNITT


INNENSTADT / FUSSGÄNGERZONE
- AUSSEN / TAG

Bret schlendert auf einer zu dieser Zeit noch spärlich belebten Straße durch eine verschlafene Innenstadt. Scheinbar ziellos. Wie immer im letzten halben Jahr. Er war in Madrid, Amsterdam, Mailand und Wien. Jetzt ist er hier. Seit nun beinahe zwei Wochen. Er kommt an einem Cafe vorbei in dem er schon zwei- oder dreimal zuvor gewesen ist. Zeit spielt für ihn keine große Rolle.
Er sieht sich um. Die Tische stehen praktisch direkt auf der Straße.
Er genießt es, den Leuten beim Flanieren zuzusehen. Bruchteile ihres Lebens einzufangen und zu „speichern“. Vielleicht für späteren Gebrauch. Er wirft einen raschen Blick auf die Handvoll Leute, die an den Tischen Platz genommen haben.
Zwei Mädchen die miteinander Tuscheln und dabei keine Sekunde den jungen Mann aus den Augen lassen, der die Auslage der benachbarten Boutique wäscht. Er hat sein Hemd ausgezogen und scheint sich der Aufmerksamkeit, die er damit erregt, durchaus bewusst zu sein.
Eine alte Frau die unruhig an ihrer Frisur herumzupft.
Ein Mann Mitte 40, der in einer lokalen Zeitung liest und vollkommen in die Welt des gedruckten Wortes versunken scheint. Und …
Sein schweifender Blick wandert zurück zu dem Tisch links hinten, in der 3x8-reihigen Aufstellung.
Eine junge Frau, etwa Anfang bis Mitte 20. Halblange rötlich gefärbte Haare und ein markantes Gesicht, soweit er das aus dieser Entfernung behaupten kann. Sie hat seine Aufmerksamkeit erregt.
Er setzt sich drei Tische entfernt, ihr genau gegenüber. Sein Blick bleibt auf sie gerichtet, aber sie scheint ihn und seine Neugier noch nicht bemerkt zu haben.
Ein Kellner schiebt sich in sein Gesichtsfeld.