Sonntag, 11. Oktober 2015

Der Lauf der Dinge


Prolog

Er hatte etwas zu viel getrunken. Vom Rauchen einmal ganz abgesehen. Jegliches Zeitgefühl hat er verloren. Er hat keine Ahnung, ob er zwei oder vierzehn Stunden geschlafen hatte. Er weiß nicht, ob es morgens oder abends ist. Alles was er hatte, waren Kopfschmerzen. Nicht nur ein einfaches Stechen, sondern ein ständig zunehmendes Pochen in seinen Schläfen.
Er dreht seinen Kopf nach rechts und besieht sich selbst im Spiegel. Er liegt in einem zerwühlten, unsauberen Doppelbett.
Er ist 1,83 Meter groß, hat braune Haare, grüne Augen, ein sportliches Aussehen und einen Dreitagesbart. Bekleidet ist er mit einer dunkelblauen Shorts und dem weißen, schlichten T-Shirt, das er schon gestern getragen hat.
Das wenige Licht, das durch die zugezogenen Vorhänge dringt, zeigt ihn müde mit dennoch willensstarken und ausgeprägten Gesichtszügen.
Er stellt sich vor, wie es wäre, nicht zu wissen, wer er ist. Das scheint gar nicht so schwer. Er würde einfach aufwachen und sein ganzes bisheriges Leben vergessen haben. Wieder bei Null beginnen.
Langsam und schwerfällig richtet er sich im Bett auf. Das Pochen in seinem Kopf wird stärker. Er kneift die Augen zusammen und schiebt sich die Hände vors Gesicht. Einige Sekunden verharrt er in völliger Stille. Er lauscht.
Schwaches Stimmengewirr aus dem Nebenzimmer, entfernter Motorenlärm, aufdringliche Musik aus dem Innenhof und … der Wind. Er kann sich an ein Gedicht erinnern, das er einmal über den Wind geschrieben hat. Verdammt lang her. In einem anderen Leben. Er kann oder will nicht mehr an diese Zeit denken.
Mit einem Ruck nimmt er die Hände vom Gesicht und setzt sich an die Bettkante. Er atmet tief durch und schmeckt die abgestandene Luft. Seine Kopfschmerzen werden zunehmend schlimmer.
Vom Nachttisch nimmt er ein Päckchen Aspirin und drückt sich vier Tabletten in die flache Hand.
Nichts da, um sie herunterzuspülen. Als er aufstehen will, stößt er mit dem Fuß gegen eine Flasche. Prüfend hebt er sie ans Licht. Tequilla. Keine große Marke, aber gut genug. Er schluckt die vier Tabletten auf einmal und spült sie mit der hellbraunen Flüssigkeit herunter.
Sein Blick fällt auf die nicht ganz geschlossene Nachttisch-Schublade. Er fixiert sie richtiggehend. Langsam und behäbig streckt er seine Hand danach aus. Zuerst um sie zuzuschieben, nur um sie dann mit einem Ruck doch zu öffnen.
Die Lade ist tief und voller Schatten. Er kann, aus seiner Position, nicht erkennen, was sich darin befindet. Prüfend steckt er seine Hand hinein und wühlt scheinbar wahllos herum. Plötzlich hält er inne. Er hat gefunden, wonach er gesucht hat.
Als er seine Hand herauszieht, umklammern seine Finger eine 45er Handfeuer-Waffe. Der Revolver ist silbergrau und blank poliert. Das spärliche Licht reflektiert sich auf seinem Lauf.
Prüfend hält er die Waffe in seiner linken Hand. Schlagartig lässt er sie sinken.
Einige Minuten vergehen. Er sitzt völlig regungslos, bis plötzlich ein Ruck durch seinen Körper geht. Er steht auf, macht einige Schritte vorwärts und sieht zur nicht ganz so weißen Zimmerdecke auf. Fast fragend.
Als er den Kopf senkt, hebt er gleichzeitig die Linke in Kopfhöhe. Er richtet den Revolver auf seine Schläfe und verschließt die Augen vor seinem Spiegelbild.

Er legt den Finger an den Abzug, nur um dann inne zu halten.
Mit einem Seufzer lässt er die Waffe sinken und öffnet die Augen.
Er atmet tief durch, geht zum Nachttisch und legt die Waffe zurück.
Langsam, fast bedächtig schließt er die Lade. Er wendet sich um und geht zum Fenster. Als er den Vorhang beiseite schiebt, wird das Innere des Zimmers in gleißendes Sonnenlicht getaucht. Er muss die Augen zusammenkneifen, um etwas zu erkennen.
Die Tür zum Balkon ist nur angelehnt. Er geht nach draußen um den Tag zu begrüßen. 


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